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Freitag, 18. Dezember 2015

Der Zeit voraus

Ich will mal so sagen: man wird älter und irgendwie werden Erinnerungen schöner. Eine Erinnerung will ich Ihnen nicht vorenthalten.

Das war eine Überraschung, als mein guter, alter Freund Helmut mir kürzlich ein Pappierbündel in die Hand drückte. Ich habe gestaunt. Es war als hätte ich einen guten Bekannten nach Jahren wiedergetroffen. Ich hielt leicht vergilbte "X7"-Hefte mit Eselsohren in der Hand, die wir als Kinder oder Jugendliche selber gemacht hatten. Ich hatte zu Weihnachten von meinen Eltern eine Schreibmaschine geschenkt bekommen. Da ich das Versteck ausgekundschaftet hatte, habe ich schon vor Weihnachten darauf herumgetippt. Das durfte natürlich niemand wissen.

Helmut und ich, wir hatten entworfen, skizziert, gezeichnet, getextet und die Werbetrommel gerührt, um eine "handgemachte" Zeitschrift im Comic-Stil zu verkaufen. Wir haben wohl nicht alle verkauft, denn jeweils 1 Exemplar - das ist ein Drittel der damaligen Auflage - hat bis heute überlebt. Da werden Erinnerungen wach. Erinnerungen an eine experimentierfreudige und auch geschäftstüchtige Jugend wach. Unsere wichtigsten Quellen für die Comics waren die Wundertüten auf dem Schützenfest. Die beinhalteten oft "Tibor"-, "Falk"- und "Sigurd"-Hefte. Die Sprüche kamen häufig aus der unvermeidlichen "Land & Garten"-Zeitschrift, die damals hier fast jeder Haushalt abonniert hatte. Irgendwann kam der nächste Schritt: wir mussten investieren.

Wir wollten weitermachen. Wir kauften wir vom zusammengelegten Taschengeld eine Vervielfältigungsmaschine, mit Kurbel, Wachsmatrizen und viel Brennspiritus. Die Zeitung, die dabei in drei Ausgaben herauskam, hies "Flopp". Wir haben fast die gesamten Auflagen - immerhin 25 Stück - verkauft, aber bei aller Qualität machte diese kleine Zeitschrift ihrem dummen Namen alle Ehre. Nach der Nummer 3 war Schluss mit dem Presseruhm. Und das, ob wohl es um gelungen war - man staune! - Adolphsdorfer Betriebe als Sponsoren zu gewinnen. Unsere Informationen bezogen wir damals aus der "BRAVO" und aus "Land & Garten". Das Internetzeitalter war noch Lichtjahre entfernt.

x7-Hefte aus 1968Unsere dritten Coup will ich gar nicht lange erwähnen. Wir haben ein Kino eröffnet. Das Betriebskapital steckte in einem Kinderfilmprojektor der Marke ..., dem drei "Dick & Doof"-Filme und zwei Mickey-Mouse-Rollen (2 Minuten) beilagen. Nach der erste öffentlichen Vorstellung, bei der wir alle Filme viermal wiederholt haben, kamen die Nachbarn nicht wieder. Wer will es ihnen verdenken. Und Helmut musste zur "Kinderlehre" nach Grasberg. Ich hatte noch ein Jahr Zeit.